Prof. Dr. Peter Heintel:
 ZEITBESCHLEUNIGUNG (abstract)

Immer mehr Menschen haben trotz "Arbeitszeitverkürzung" immer weniger Zeit für das, was sie wollen.
Auch im Großen gewinnt man den Eindruck, dass sich das Rad der Geschichte immer schneller zu drehen beginnt, dass es immer weniger die Möglichkeit für ein betrachtendes Innehalten gibt. Kopfüber stürzen
wir uns aktivistisch in den Lauf der Zeit; Pausen sind Ablenkung, unproduktiv und kosten überdies Geld.
Wir leben in einer Epoche einer sich immer schneller "beschleunigenden Zeit".

"Zeit ist Geld" lautet die nicht unplausible Erkenntnis unserer Neuzeit. Sie gilt auch zweifellos für ein wirtschaftliches Produktionssystem, in dem der "gewinnt", der in immer kürzeren Zeiträumen immer mehr
und besser produziert. Er hat Konkurrenzvorteile. Was für die industrielle Produktion und ihre Eigenlogik gilt, hat sich aber auch auf alle Lebensbereiche übertragen und nicht nur auf unsere Arbeit. Freizeit wird mit allem Möglichen immer mehr vollgestopft, Politiker brauchen ihre Erfolge innerhalb einer Wahlperiode und veranlassen Gesetze, die flüchtig gepfuscht sofort das Novellierungskarussell in Ganz setzen und selbst Seelsorger hetzen von einer Seele zur anderen.

Die Beschleunigung wird zum Maß aller Tätigkeiten und vergewaltigt "Eigenzeit". Damit ein Schwein "sich rechnet", muss es nach einem halben Jahr für den Schlächter "reif" sein. Agrartechnologie hilft, Natur und Lebendiges unter das ökonomische Zeitmaß zu zwingen. Naturprodukte geraten unter das Zeitmaß industrieller Produktion. Medizinische, psychologische Hilfe und Beratung darf ein gewisses Zeitmaß nicht überschreiben, sonst wird sie unrentabel; Krankenkassenbeiträge haben ihre Zeit. Nachdenkpausen in der Politik gelten als Eingeständnis von Schwäche, auch wenn es wahrlich viel zum Nachdenken gäbe.
Im Verkehr wird "Gleichzeitigkeit" geübt: die Geschwindigkeiten und Kräfte unserer Verkehrsmittel
werden ständig erhöht. Es ist wichtig, schnell überall sein zu können. Am Arbeitsplatz wachsen Spannungen und Konflikte proportional zur fehlenden Zeit, sie "behandeln", analysieren und lösen zu können. Diskussion ist "Quatschbude". Im demokratischen Leben hetzen Berufsfunktionäre und –politiker  von einer Veranstaltung zur anderen und kommen eingestandenermaßen weder zum Lesen noch zum Denken: wer denkt für sie?

Jährlich wird uns angeblich aus Rationalitätsgründen eine Sommerzeit verschrieben: den Vorteil genießen Tennisspieler mit längerem Licht am Abend. Den Bauern ist dies nicht so recht: Tiere schauen nicht auf
die Uhr. Kinder verstehen auch nicht, wieso sie bei strahlender Sonne schon ins Bett gehen müssen.